Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. Landesgruppe Niedersachsen
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. Landesgruppe Niedersachsen 

„Zukunft braucht Vergangenheit“ – Zentrale Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Friedland 2025

Mit bewegenden Worten, eindrucksvollen musikalischen Beiträgen und einem gemeinsamen Gedenken fand am 6. September 2025 die Feierstunde im Rahmen der zentralen Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland am Standort der Landesaufnahmestelle Friedland statt. Zahlreiche Gäste – Politiker, Vertreter von Verbänden und aus dem Kulturbereich – nahmen an der Veranstaltung teil, die traditionell dem Erinnern und dem Austausch gewidmet ist.

 

Federführend bei der Feier, die unter dem Leitgedanken „Zukunft braucht Vergangenheit“ durchgeführt wurde, war erneut die Landesgruppe Niedersachsen mit ihrer Vorsitzenden Lilli Bischoff.

Auch in diesem Jahr stand die Veranstaltung im Zeichen der Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Deportation der Deutschen in der Sowjetunion, zugleich richtete sie den Blick auf die Bedeutung des historischen und kulturellen Erbes für kommende Generationen.

Den musikalischen Auftakt gestaltete die Pianistin Anna Borodina aus Osterode am Harz mit Jean Sibelius’ Werk „Le Sapin“.

Nach dem Eröffnungsgebet, gesprochen von Pastor Torsten-Wilhelm Wiegmann, Geschäftsführer der Inneren Mission Friedland, begrüßte Lilli Bischoff die zahlreichen Gäste und führte in ihrer Ansprache u.a. aus:

 

„Es ist nicht nur den Deutschen aus Russland bekannt, dass insbesondere deutsche Männer in der Sowjetunion nach dem Angriff Deutschlands auf das Land am 22. Juni 1941 in sogenannte Arbeitsarmeen mobilisiert wurden, die nichts anderes waren als Zwangsarbeitslager. Sobald sich die Männer am Einberufungsort befanden, wurden sie ohne Anklage und Gerichtsverfahren zu Gefangenen und entsprechend grausam behandelt.

Weit weniger bekannt ist, dass auch russlanddeutsche Frauen durch die Hölle der sowjetischen Arbeitslager gehen mussten.

Nach einem Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom Oktober 1942 wurden Frauen im Alter von 16 bis 45 Jahren, ausgenommen Schwangere und Frauen mit Kindern unter drei Jahren, zur Arbeitsarmee zwangsmobilisiert.

Die Grausamkeit der Deportationserlasse, und nicht zuletzt desjenigen, der die russlanddeutschen Frauen betraf, ist nicht in Worte zu fassen.“

 

Für eine besondere musikalische Note sorgte der Chor „Melodie“ aus Gifhorn unter der Leitung von Emanuel Kaufmann. Mit den Liedern „Die Glocken von Buchenwald“ sowie „Lass mich singen“ berührten die Sängerinnen und Sänger das Publikum spürbar.

Als Festredner konnte Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, gewonnen werden. In seiner Presseerklärung vom 8. September schrieb er dazu:

 

„Der Bundesregierung ist es ein wichtiges Anliegen, sowohl den in Deutschland wiederbeheimateten Landsleuten als auch der deutschen Minderheit bei der Bewältigung ihres besonderen Kriegsfolgenschicksals zu helfen.

Sie konnte sich bei ihrer Politik für die Russlanddeutschen immer auf die Arbeit der Landsmannschaft und ihr ehrenamtliches Engagement stützen.

Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ist ein bedeutender und unentbehrlicher Träger und Hüter der kollektiven Erinnerung.

‚Zukunft braucht Vergangenheit‘ ist das Motto dieser zentralen Gedenkfeier. So gedenken wir heute auch des 100. Jahrestags der Gründung des Zentralmuseums der Deutschen Autonomie an der Wolga. Hier begegnen wir der Vergangenheit in der unverfälschtesten Form und tragen diese Begegnung in die Gegenwart.“

Dr. Bernd Fabritius

Grußworte sprachen Sabine Tippelt, (SPD), Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags, Susanne Graf, Leiterin der Landesaufnahmestelle, sowie Deniz Kurku, MdL (SPD), Niedersächsischer Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe.

Einen weiteren musikalischen Auftritt gestaltete der Chor „Klingenthal“ aus Osterode am Harz unter der Leitung von Svetlana Gauks. Begleitet von Anna Borodina am Klavier, erklangen das weltbekannte und ergreifende „Ave-Maria“ sowie das russlanddeutsche Volkslied „Gott schütze unsere Kinder“.

Weitere Grußworte richteten daraufhin André Bock, MdL (CDU), Alexander Saade, MdL (SPD), Oliver Steinmann, Stabstellenleiter der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, Heiko Schmelzle, Landesvorsitzender der Union der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in Niedersachsen, sowie Ute Lamla (Bündnis 90/Die Grünen), stellvertretende Präsidentin der Regionsversammlung Hannover, an die Gäste.

Für musikalische Akzente sorgte der Chor „Wolgawelle“ aus Osnabrück unter der Leitung von Vladimir König. Mit dem traditionellen russlanddeutschen Volkslied „Dort in dem Wolgaland“ sowie dem Kirchenlied „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott“ berührten die Sängerinnen und Sänger das Publikum tief.

In seiner bewegenden Ansprache erinnerte Johann Thießen, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, an die Bedeutung des Erinnerns und der lebendigen Tradition. Und er betonte, dass die Verfolgung der Deutschen in der Sowjetunion auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fortdauerte. Er unterstrich diese Erscheinung mit einem erschütternden Zeitzeugenbericht:

 

„Und es gab Strafen, die ans Unvorstellbare grenzten.

Ich nenne als Beispiel die Verbringung ins Arbeitslager einer 17-jährigen russlanddeutschen Kindergärtnerin nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie hatte es gewagt, mit den Kindern ein deutsches Lied zu singen, und war denunziert worden.

Bis an ihr Lebensende 35 Jahre später konnte sie nicht vergessen, was ihr in diesem Arbeitslager angetan wurde.

Einen Eindruck davon bekam man, als man nach ihrem Tod in ihrer Wohnung eine Schublade fand, voll bis an den Rand mit Beruhigungsmitteln und anderen Psychopharmaka.“

Johann Thießen

Die abschließenden Höhepunkte der Feierstunde waren die Totenehrung, vorgetragen von Helmut Kieß von der Ortsgruppe Wolfsburg der LmDR und das anschließend gemeinsam gesungene „Deutschlandlied“.

 

Totengedenken

Gesprochen von Helmut Kieß

 

Wir gedenken heute des schwersten Tages in der russlanddeutschen Geschichte. Wir erinnern an den Erlass vom 28. August 1941, der für die Vertreibung der gesamten russlanddeutschen Volksgruppe aus ihren angestammten Gebieten nach Sibirien und Mittelasien steht. Das war der Todesstoß in der Geschichte der Russlanddeutschen.

Wir gedenken unserer Großeltern, Eltern und Geschwister, denen unmenschliches Leid angetan wurde.

Wir gedenken der unzähligen Männer und Frauen, die in den Zwangsarbeitslagern durch Hunger und schwerste Arbeit starben.

Wir gedenken der Frauen und Kinder, denen in den Verbannungsorten menschenunwürdigen Leid angetan wurde. Wir gedenken der unzähligen Opfer der 1930er Jahre, die ohne Schuld hingerichtet wurden.

Wir gedenken all derer, die im II. Weltkrieg fielen oder verschollen sind.

Gerade deshalb verurteilen wir Gewalt in jeder Form, ob damals oder heute.

Gerade deshalb verurteilen wir Krieg, Vertreibung und Diskriminierung.

Gerade deshalb tun wir gut daran, uns zu erinnern und das Leid von so vielen nicht zu vergessen – so wie wir das heute gemeinsam tun.“

Gedenken vor der Friedlandglocke.

Traditionsgemäß wurden nach der Feierstunde Kränze an der Friedlandglocke und am Heimkehrer-Mahnmal auf dem Hagenberg in Friedland niedergelegt.

Der Nachmittag klang in geselliger Runde bei Kaffee und Kuchen aus, begleitet von einem bunten Kulturprogramm, das Gelegenheit zum Austausch und zum gemeinsamen Erinnern der zahlreichen Gäste aus ganz Deutschland bot.

 

Rosa Temkine, Bilder: Ilja Fedoseev

Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. Niedersachsen

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