Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe Niedersachsen e.V.
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe Niedersachsen e.V. 

„Wenn wir das vergessen, verlieren wir uns selbst“

Gedenkfeier in Friedland – Teile des Grenzdurchgangslagers sollen ein Erlebnismuseum werden

 

Die traditionelle Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen in Russland am 23. August 2008 im Grenzdurchgangslager Friedland anlässlich des Vertreibungserlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 28. August hatte diesmal eine besondere Note. In seiner Festrede verkündete der niedersächsiche Minister für Inneres und Sport, Uwe Schünemann, dass in Teilen des Lagers ein Erlebnismuseum geplant werde, das an die mehr als vier Millionen Menschen erinnern solle, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurden. Die Landsmannschaft Niedersachsen mit ihrer Landesvorsitzenden Lilli Bischoff organisierte auch diesmal eine würdevolle Feier mit zahlreich erschienenen Gästen und einem musikalischen Rahmenprogramm. Nach der Feierstunde wurden traditionell Kränze an der Friedlandglocke, das Wahrzeichen von Friedland, und am Mahnmal für Heimkehrer von 1955 niedergelegt. Zu Ehren der Opfer der Vertreibung und der beiden totalitären Regimes hielt Pastor Steinberg einen Gottesdienst mit einer Totenehrung ab.  

 

Die zahlreichen Gäste der Gedenkfeier (etwa 500 Personen) wurden von der Landesvorsitzenden der Landsmannschaft Niedersachsen Lilli Bischoff und vom Bundesvorsitzenden Adolf Fetsch begrüßt. Eingangs stellte Lilli Bischoff die Ehrengäste aus Politik und Öffentlichkeit mit der Aussiedlerbeauftragten der CDU-Fraktion Editha Lorberg und dem Aussiedlerbeauftragten der SPD-Fraktion Klaus-Peter Bachmann von der Landesregierung vor und verwies auf eine gute Zusammenarbeit der Landsmannschaft mit allen demokratischen Parteien. Adolf Fetsch betonte mit einem Zitat des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Gerhard Glogowski, aus dem Jahr 1995 die besondere Bedeutung von Friedland auch für die meisten Russlanddeutschen, die selbst oder ihre Nachkommen der „Vernichtungsmaschinerie des stalinistischen Unrechtsregimes“ entkommen konnten: „Friedland ist seit Jahrzehnten für Deutsche aus den Staaten Ost- und Südosteuropas der Inbegriff von Freiheit. Mit der Nennung dieses Ortes verbinden sich Hoffnungen und Erwartungen von Menschen, die sich entschlossen haben, ihre Heimat unter dem Druck der dortigen Verhältnisse zu verlassen, um in der Bundesrepublik Deutschland als Deutsche unter Deutschen in Freiheit leben zu können.“ Den aufschlussreichen Einblick in die Vertreibungs- und Diskriminierungsgeschichte der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion schloss der Bundesvorsitzende mit der Initiative an das Land Niedersachsen ab, in Friedland ein Museums einzurichten, das unter anderem an die Vertreibungs- und Auswanderungsgeschichte der Russlanddeutschen erinnern würde.                                                                                    

 

Auch Jochen-Konrad Fromme, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erinnerte, dass Freiheit und Frieden nicht selbstverständlich wären: „An der Geschichte der Russlanddeutschen sieht man, wie allein aufgrund der Tatsache, ein Deutscher zu sein, eine Volksgruppe verfolgt und diskriminiert wird. Deswegen ist es so wichtig, aus dem 28. August Lehren ziehen.“ Der SPD-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Jüttner wies darauf hin, dass „Deportationen sind auch nach 67 Jahren rechtswidrig und gehören zu Menschenrechtsverletzungen“. Auch er hob die Bedeutung von Friedland als Erinnerungsort und Integrationszentrum hervor, die man beibehalten sollte. An den Gedanken von Adolf Fetsch knüpfte Oliver Dix, Stellvertretender Landesvorsitzender des BdV, an: „Es ist eine großartige Idee, Friedland in ein Museum zu verwandeln. Es wird ein Stück dazu beitragen, das Trauma des Leidens aufzuarbeiten.“                                                                                                                        

 

Der Festredner Dr. Christoph Bergner, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, bezeichnete den Deportationstag als „kalendarischen Gedenkstein, an dem sich Trauer und Schmerz festhalten. Keiner von den Russlanddeutschen hat Hitler gewählt, jeder musste aber der Rache Stalins zum Opfer fallen.“ Die Erinnerung an die Opfer - ein Drittel der Russlanddeutschen sei in den Wirren des letzten Krieges ums Leben gekommen – müsse aufrechterhalten und an die junge Generation weitergegeben werden, so Bergner. „Wenn wir das vergessen, verlieren wir uns selbst“, zitierte er aus dem Aufsatz eines Jugendlichen aus Russland. Er betonte nachdrücklich die besondere Solidarität des deutschen Staates gegenüber den Russlanddeutschen, die am längsten leiden mussten. „In den Russlanddeutschen wird zuerst eine Schicksalsgemeinschaft gesehen, angesichts der schrecklichen Kriegsfolgen ist es auch richtig so. Wir alle müssen nun dafür sorgen, dass es eine Sprachgemeinschaft wird“, äußerte sich der Aussiedlerbeauftragte. „Russlanddeutsche sind eine Volksgruppe, die es verdient, mehr Stolz zu zeigen“, lobte er die Erfolge der Integration.

 

Uwe Schünemann. „Wir wollen, dass ihre Kultur zur Erinnerungskultur unseres Landes gehört“

 

Mit begeistertem Applaus wurde danach die überraschende Mitteilung von Uwe Schünemann begrüßt, der die schon angesprochene Idee des Museums in Friedland als bereits beschlossene Sache der Landesregierung verkündete. Der Innenminister bezeichnete die Deportationen als „schweres humanitäres Verbrechen“, wobei im Fall der Russlanddeutschen einer Volksgruppe ihre Grundexistenz genommen wurde. „Solche Schicksale sollen aus der Geschichte nicht verdrängt werden“, so Schünemann. „Für mehr als vier Millionen Menschen war das Grenzdurchgangslager ein 'Tor zur Freiheit' – angefangen mit der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen. Die Geschichte des Lagers und der Menschen, die hier Aufnahme fanden und finden, soll das geplante Museum auf besondere Weise erlebbar machen“, beschrieb Uwe Schünemann. Rund 650.000 Euro habe die niedersächsische Landesregierung allein für die Planung vorgesehen.                                                                                                        

 

Das Friedländer Lager-Museum solle die breite und über 60-jährige Geschichte nicht nur durch Gegenstände darstellen, sondern durch „Erlebniswelten“ präsentieren. Die Schicksale der Menschen, die aus ganz anderen Kulturen hier angekommen seien, und wie sie mit der Situation umgingen – das solle dokumentiert und dargestellt werden. Das Museum solle neben der Zuwanderungsgeschichte der vergangenen 60 Jahre auch über die Integrationspolitik der Gegenwart informieren. Wenn alles gut laufe, könnte das Museum 2013 eröffnet werden. „Das Grenzdurchgangslager wird nicht geschlossen. Seine Zukunft liegt zum einen in der Integrationsarbeit von Neuankömmlingen und zum anderen im Museum", betonte Schünemann. Ein Vorbild für das neue Museum könnte das Auswanderer-Museum in Bremerhaven sein. Dort wird anhand von exemplarischen Einzelschicksalen die Lebenssituation von Menschen geschildert, die beispielsweise nach Amerika auswanderten, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. In die Planung sollen Fachleute und Politiker aus der Region sowie die in Friedland tätigen Kirchen, Verbände und Hilfsorganisationen in die Planungen einbezogen werden, Forscher der Universitäten Göttingen, Osnabrück und Oldenburg sollen das Projekt wissenschaftlich begleiten.

 

Zum Schluss lobte der Innenminister die gute Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft, wobei es bei den regelmäßigen Gesprächen nicht nur um Probleme gehe, sondern es werde nach Lösungen gesucht und angeboten. Die Niedersächsische Regierung stehe nach wie vor zum Kriegsfolgenschicksal der Russlanddeutschen. „Wir wollen , dass ihre Kultur zur Erinnerungskultur unseres Landes gehört“ , sagte Schünemann mit Blick auf das geplante Museum.

Musikalisch wurde die Gedenkfeier durch Auftritte der Chöre aus Osnabrück und Thüringen sowie einer Folkloregruppe aus Tjumen, die im Rahmen der Partnerschaft zwischen der Landesgruppe Niedersachsen und dem Gebietszentrum der deutschen Kultur Tjumen eine Woche lang durch die niedersächsischen Städte tourte.      
VadW

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